Alfa Romeo Giulia Spider
Alfa Romeo Giulia Spider, Baujahr 1963
Wenn Sie das erregende Kribbeln in den Adern außer Acht lassen, wähnen Sie sich in Ihrem Fernsehsessel. Bequemer könnten Sie nicht sitzen.
Aber das Kribbeln ist übermächtig. Es treibt Ihnen die verrücktesten Flausen in den Kopf. Sie spüren die seidige Luft an Ihrem lässig abgewinkelten linken Ellbogen vorbeistreichen. So läßt es sich dahingleiten bis ans Ende der Welt. Ihre Rechte ruht cool am glatten Holz des Nardi-Lenkrads. Das laue Lüftchen kühlt angenehm Ihr unablässig von der Sonne geküßtes Gesicht.
Oh sole mio…
„Ist eigentlich meine Sonnenbrille ein adäquater Hingucker? Paßt sie zur atemberaubenden Silhouette meines rassigen Spiders? Zur bezauberndsten aller Schönheiten? Zur Diva italiana?“
Es sind wie gesagt die Flausen. Nicht viele Autos besitzen das Potential, uns braven Deutschen jeglichen Alters solche „undeutschen“ Spleens in den Kopf zu treiben. Die kleine Süße gehört dazu. Definitiv.
Ihre Sonnenbrille paßt. Keine Frage. Und zwar deshalb, weil sich der entwaffnende Charme des unfaßbar roten Flitzers, seine filigrane, knackig-sportliche und dabei ewig junge Optik automatisch auf die Insassen überträgt.
Sie ziehen die engen Kurven der Paßstraße spielend hoch, kosten jede Sekunde des berauschenden Roadster-Feelings aus. Meter um Meter fühlen Sie sich leichter. Sie und das Mädchen, das sich von Ihnen lenken läßt, schweben. Sie winken den Ihnen grüßend Entgegenkommenden eine Nuance herablassender als geplant. Doch mehr haben Sie in dem Auto mit dem gewissen Alles auch nicht nötig.
Sie haben dem Roadbook entnommen, daß am höchsten Punkt der Paßstraße ein bekannter Italiener, Ristorante und Gelateria, zum Sündigen einlädt.
Verlockend? Nur prima vista.
Sie müßten ja aussteigen. Unvorstellbar.
Gaumenschmaus gegen Ohrenschmaus. Die Würfel sind gefallen.
Pasta oder Eis essen können Sie morgen auch noch. Man lebt nicht nur vom Brot allein.
Das Heute gehört ihr. Der Primadonna.
Ergo: Ohrenschmaus. Die Lebensäußerungen der Zarten lassen keine Alternative zu: Sie können mit nichts verglichen werden, höchsten mit denjenigen ihrer Schwester. Sie haben sich jedoch für die gereiftere der beiden Schönheiten entschieden und das will – scusi – das muß ausgelebt werden.
Es fängt an beim drehfreudigen Vierzylinder. Dann die Quicklebendigkeit des Doppelnockers, das Grollen, Röhren, Trompeten beim Beschleunigen. Da werden die maskulinen Softskills des Spiders wach.
Madonna, was für eine Stimme in diesem zierlichen Körper steckt! Bei mittleren Drehzahlen schmettert die Diva im fröhlichen, kernigen Tenor, der bei voller Ausdrehung in einen ungezähmten, leidenschaftlich-lauten Sopran kulminiert.
Und das Beste: Bei aller Wildheit sind die Bedienkräfte optimal aufeinander abgestimmt, so daß Sie – egal, was Sie mit ihr anstellen – gepflegt reisen.
Sie wollen also nur kurz halten, um die Sicht zu genießen. Selbstverständlich im Schoß der Schönen sitzen bleibend. Sie hat sich ja oben herum freigemacht und gewährt Ihnen uneingeschränkten Ausblick.
Eccolo. Il Ristorante. Herrliche Panoramaterrasse. Gerammelt voll. Sie hätten sowieso keinen Platz mehr bekommen.
Sie halten. Im Leerlauf mimt die Dame den sonoren Bariton. Die Ersten erheben sich von ihren Plätzen und deuten auf die rote Extravaganz. So ein Rot haben sie noch nie gesehen.
Und gar die Nase des Spiders.
Diese Nase hat im Laufe ihrer Historie mehr Herzen in Wallung gebracht, als die Loren und die Lollobrigida zusammen. Und tut es bis heute.
Ihr geradezu klassisches Raffinement hat maßgeblich zum Mythos ihres Schöpfers, des charismatischen „Pinin“ Farina, beigetragen. Mehr noch, es hat der gesamten Marke Unsterblichkeit verliehen.
Jetzt ist einer der Kellner aufmerksam geworden. Er läßt alles stehen und liegen und rennt Hals über Kopf zu Ihrem Parkplatz.
“Mamma mia, una Giulia. Impossibile!”
Wild gestikulierend erzählt er Ihnen, daß es sicherlich vierzig Jahre her sei, seitdem er zuletzt eine Giulia gesehen habe. Natürlich in seiner Heimat, einem Dörfchen in der Toskana. Er habe seine Maria zum Tanzen abholen wollen, und sei mit seiner ersten Vespa fröhlich pfeifend übers Kopfsteinpflaster gerumpelt. Dann mit einem Male habe ihn dieses Auto überholt.
Der Anblick der Giulia, ihres roten Hinterteils, un colore incredibile, habe ihn fast von der Vespa gerissen. Er habe seine Maria completamente vergessen, habe nur noch einen Gedanken gehegt, diesen glühenden roten Stern nicht aus den Augen zu verlieren. Natürlich sei die Vespa nicht in der Lage gewesen, der Giulia auf den Fersen zu bleiben.
Und heute? Und heute! Una Giulia. Hier!
Dann komplimentiert er Sie aus dem Spider, er müsse seinen Capo rufen, der würde sterben, wenn er ihm dieses Miracolo vorenthalte.
Es bleibt Ihnen nichts anderes übrig. Man läßt Sie nicht weg. Nicht sofort. Zunächst wollen die Leute schauen, schwärmen, Anteil nehmen. Zumindest un’ attimo, un momento.
Welcher Spider schürt solche Emotionen? Es kann nur einen geben. Alfa Romeo Giulia Spider. Der Name ist wie Musik? Fast. Der Name ist Musik. Wie auch das Auto selbst.
Sie zeigen den Leuten die edel gefertigten Felgen, die wunderschönen Chromradkappen, überhaupt das viele Chrom, welches mit dem unvergleichlichen Alfa-Rot um die Wette blitzt.
Sie weisen auf das optische Detail hin, das die Giulia am augenfälligsten von ihrer Vorgängerin, der Giulietta, unterscheidet: Die chromgefaßte Hutze auf der Motorhaube. Jene war vonnöten, um den höheren 1600 Motor unterbringen zu können.
Sie erzählen von der technischen Appetitlichkeit der Giulia, berichten vom vollsynchronisierten 5-Gang-Getriebe, den fein dosierbaren, kraftvollen Bremstrommeln.
Sie erwähnen auch – der Vollständigkeit halber – eine sehr liebenswerte Eigenheit: Das unrunde Brabbeln des Motors beim Kaltstart, das sich nach 1-2 Minuten gibt.
Der Capo möchte wahnsinnig gern eine kleine Probefahrt unternehmen, weil doch die gewundene Paßstraße wie für die Giulia angelegt ist. Nur ein paar Kurven, per favore.
Wieder ein Opfer, auch er ist der Giulia verfallen. Alles andere hätte Sie auch verwundert. Denn egal, von welcher Seite Sie die Giulia betrachten, sie ist unwiderstehlich.
Alles an ihr ist absolut stimmig. Ihre kleinen Rückleuchten. Die Hörnchen. Die Alfa-Logos. Das Pinin-Farina-Monogramm. Das bestechend klare, betont puristisch komponierte Armaturenbrett. Das kostbare Holzlenkrad. Und, und, und… Jedes Detail wickelt einen um den Finger.
Und deswegen lehnen Sie höflich, jedoch bestimmt ab. Sie wollen keine Sekunde des einzigartigen Fahrerlebnisses einbüßen. Der Capo hat Verständnis. D’accordo, er würde es nicht anders machen, wäre er an Ihrer Stelle. Eine Giulia verleiht man nicht.
Sie begeben sich aufs neue in Ihren Fernsehsessel. Sie freuen sich auf die roten Ampeln, die im nächsten Städtchen auf Sie warten. Tatsächlich? Naturalmente: Sie geben Ihnen nämlich ein Alibi, Giulias Wohlgesang beim anschließenden Gasgeben zu provozieren.
Auch Sie sind von ihr infiziert. Ein absolut beglückendes Virus. Sie denken an den Capo und lächeln still: Wenn der wüßte…
Aber er weiß es nicht.
Und genau deshalb ist Ihr Kribbeln, das Ihnen die herrlichsten Flausen eingibt, so authentisch. Heute, morgen, sooft Sie möchten!
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